Ursachenzusammenhang

Nicht jeder nachgewiesene Beratungsfehler eines Rechtsanwalts führt zwangsläufig zu einem Schadensersatzanspruch des Mandanten. Erst wenn dem Mandant auch der Nachweis gelingt, dass der ihm entstandene Schaden ursächlich auf die fehlerhafte bzw. unterbliebene Beratung des Rechtsanwalts zurückzuführen ist, wird ein Gericht die Ersatzpflicht des Rechtsanwalts anerkennen.

In diesem Zusammenhang wird in Haftungsprozessen von Seiten der Rechtsanwälte regelmäßig eingewendet, dass der geschädigte Mandant selbst bei ordnungsgemäßer Beratung durch den Rechtsanwalt dessen Rat nicht beherzigt hätte: Der Schaden wäre gewissermaßen „so oder so“ entstanden und sei damit nicht kompensationsfähig.

Die mit diesem Einwand des in Haftung genommenen Rechtsanwalts zusammenhängenden Fragen zählen zur sogenannten haftungsausfüllenden Kausalität. Nach ständiger Rechtsprechung des BGH gilt jedoch zu Gunsten des Mandanten die Vermutung, dass dieser sich beratungsgerecht verhalten hätte, wenn er vom Rechtsanwalt ordnungsgemäß beraten worden wäre. Diese Vermutung gilt jedoch nur, wenn nach der Lebenserfahrung eine bestimmte Entscheidung des Mandanten wahrscheinlich gewesen wäre. Beispiel: Hätte die pflichtgemäße Beratung des Rechtsanwalts dahin gehen müssen, einem Dritten den Streit zu verkünden, weil dadurch die Verjährung möglicher Ansprüche gegen diesen unterbrochen würde, spricht die Lebenserfahrung dafür, dass der Mandant sich an diesen Rat gehalten hätte, wenn keine Gründe gegen eine Streitverkündung gesprochen haben (BGH Urteil vom 16.09.2010, Az.: IX ZR 203/08).

 

Im Haftpflichtprozess braucht also der geschädigte Mandant zunächst lediglich darzulegen, dass bei vertragsgemäßer Beratung seines Rechtsanwalts ein bestimmtes Verhalten nahegelegen hätte. Gelingt ihm dies, wird vermutet, dass er sich beratungsgerecht verhalten hätte – der Ursachenzusammenhang wäre bewiesen.

 

Im Gegenzug suchen die in Haftung genommenen Rechtsanwälte in diesen Situationen dem Gericht klarzumachen, dass sich ihr ehemaliger Mandant atypisch verhalten hätte oder aber sie legen dar, dass dem ehemaligen Mandanten durchaus mehrere gleichwertige Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung standen, damit also nicht zwingend die ihnen vorgeworfene fehlerhafte Beratung für den vom Mandanten letztlich gewählten Weg ursächlich war.

 

Da es bei diesem Einwand letztlich um eine innere Tatsache geht – nämlich die Entscheidung des Mandanten bei ordnungsgemäßer Beratung – wird den Mandanten die Beweisführung insoweit erleichtert, dass die Gerichte verpflichtet sind, die Mandanten, obgleich Partei des Prozesses, zu diesem inneren Entscheidungsprozess anzuhören.

 

Festzustellen ist, dass aufgrund dieser Beweiserleichterung Schadensersatzansprüche eher selten an der haftungsausfüllenden Kausalität scheitern, gelingt es den geschädigten Mandanten meist schlüssig darzulegen, weshalb sie – auch wenn ihnen mehrere Alternativen zur Verfügung standen – dem (unterbliebenen) Rat ihres Rechtsanwalts gefolgt wären.